terça-feira, 23 de julho de 2013

Wiederholte Spiegelungen - Johann Wolfgang von Goethe

Um über die Nachrichten von Sesenheim meine Gedan­ken kürzlich auszusprechen, muß ich mich eines allge­mein physischen, im besondern aber aus der Entoptik hergenommenen Symbols bedienen; es wird hier von wiederholten Spiegelungen die Rede sein.

1) Ein jugendlich-seliges Wahnleben spiegelt sich un- bewußt-eindrücklich in dem Jüngling ab.

2) Das lange Zeit fortgehegte, auch wohl erneuerte Bild wogt immer lieblich und freundlich hin und her, viele Jahre im Innern.

3) Das liebevoll früh Gewonnene, lang Erhaltene wird endlich in lebhafter Erinnerung nach außen ausgespro­chen und abermals abgespiegelt.

4) Dieses Nachbild strahlt nach allen Seiten in die Welt aus, und ein schönes, edles Gemüt mag an dieser Erschei­nung, als wäre sie Wirklichkeit, sich entzücken und emp­fängt davon einen tiefen Eindruck.

5) Hieraus entfaltet sich ein Trieb, alles, was von Ver­gangenheit noch herauszuzaubern wäre, zu verwirk­lichen.


6) Die Sehnsucht wächst, und um sie zu befriedigen, wird es unumgänglich nötig, an Ort und Stelle zu gelan­gen, um sich die Örtlichkeit wenigstens anzueignen.

7) Hier trifft sich der glückliche Fall, daß an der ge­feierten Stelle ein teilnehmender, unterrichteter Mann gefunden wird, in welchem das Bild sich gleichfalls ein­gedrückt hat.

8) Hier entsteht nun in der gewissermaßen verödeten Lokalität die Möglichkeit, ein Wahrhaftes wiederherzu­stellen, aus Trümmern von Dasein und Überlieferung sich eine zweite Gegenwart zu verschaffen und Friederiken von ehmals in ihrer ganzen Liebenswürdigkeit zu lieben.

9) So kann sie nun, ungeachtet alles irdischen Dazwi- schentretens, sich auch wieder in der Seele des alten Lieb­habers nochmals abspiegeln und demselben eine holde, werte, belebende Gegenwart lieblich erneuern.

Bedenkt man nun, daß wiederholte sittliche Spiegelun­gen das Vergangene nicht allein lebendig erhalten, son­dern sogar zu einem höheren Leben emporsteigern, so wird man der entoptischen Erscheinungen gedenken, welche gleichfalls von Spiegel zu Spiegel nicht etwa ver­bleichen, sondern sich erst recht entzünden, und man wird ein Symbol gewinnen dessen, was in der Geschichte der Künste und Wissenschaften, der Kirche, auch wohl der politischen Welt sich mehrmals wiederholt hat und noch täglich wiederholt.

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