quarta-feira, 5 de junho de 2013

Having Soul (Hing Sees, 2002) a Christmas Fairy Tale by Riho Unt: The Estonian Genius of Anton Hansen Tammsaare (Living Dolls, 1939)

Based on the short story Living Dolls by Estonian writer Anton Hansen Tammsaare. Animation film Having Soul tells a story of a little boy and his big dream - toy soldiers with souls, who would close their eyes even dying. Children talk about things in the name of which they are prepared to do anything to bring toys to life. Nobody wants to play alone and talk to toys which are not answering, so the hope of living toy seems a good idea. The boy is persistent and stubborg in achieving his goal. he has no idea of how serious the game is.

Screenwriter Riho Unt
Director Riho Unt
Director of Photography Indrek Volens, Peeter Ülevain
Sound Avo Ulvik
Art Director/Production Designer Riho Unt
Composer Tiit Kikas
Editor Indrek Volens, Kersti Miilen
Producer Arvo Nuut
Production company Nukufilm
Length 18 min
Screen ratio 35 mm, 1:1,37, Dolby Stereo
Homepage www.nukufilm.ee
Premiere/ to be released 28.02.2002

Festivals and awards TRICKFILM International Festival of Animated Film, Stuttgart / Germany
2004
Screening in Curzon Cinema / London, UK
2004
Melbourne International Animation Film Festival / Australia
2004
London Inernational Animation Film Festival / UK
2004
Estonian Panorama
Estonian Days in Poland
2004
Screening in European Information Center / Darmstadt, Germany
2004
Festival Eastern European Animation / Berliin, Germany
2004
Tampere International Short Film Festival / Finland
2005
Screening in Norwegian Film Institute
2005
DOK LEIPZIG International Leipzig Festival for Documentary and Animated Film / Germany
2006
Tampere International Short Film Festival / Finland
2007
ANILOGUE International Animation Film Festival, Budapest / Hungary2007

Anton Hansen Tammsaare Museum:
http://linnamuuseum.ee/tammsaare/en/



Living Dolls (in German Translation)

Die lebenden Puppen (1939)



Schon das zweite Jahr brachte der Weihnachtsmann Uuno Solda­ten, Reiter, Kanonen, Flugzeuge, Panzerwagen und Tanks. Das gefiel ihm alles sehr, denn die Soldaten und die Reiter konnte man in einer Reihe aufstellen, als ob sie marschierten, mit den Flugzeugen konnte man durch die Stube laufen, als ob sie flögen, in den Kanonen konnte man eine Feder spannen und dann schießen, und die Panzerwagen und Tanks konnte man aufziehen, so daß sie leise oder laut ratternd ein Stück über den Fußboden rollten.

Aber als Uuno diese ganze Herrlichkeit Maret zeigte, die zwei Jahre älter war als er, lächelte sie nur spöttisch, als ob sie sagen wollte: Was ist das schon. Und um der Schwester zu zeigen, daß es doch etwas Besonderes sei, spannte Uuno die Feder einer Kano­ne und rief:

„Jetzt guck mal!“

„Na gut, ich gucke“, antwortete Maret.

Uuno zielte auf die in einer Reihe stehenden Soldaten und Rei­ter und schoß voller Stolz die hölzerne Kanonenkugel auf sie ab. Aber die Kugel traf weder einen Soldaten noch einen Reiter und darum sagte Maret:

„Na siehst du — gar nichts passiert!“

„Eine richtige Kugel trifft ja audi nicht immer“, versuchte Uuno sich zu rechtfertigen und fügte hinzu: „Guck noch mal!“

„Na gut, ich gucke“, war Maret einverstanden.



Uuno feuerte noch einmal auf die Soldaten und die Reiter, aber wieder ohne Folgen. Erst das dritte Mal traf die weiße Kugel die Soldaten und mähte einige von ihnen nieder. Ein Reiter über­schlug sich sogar und verlor seinen Kopf.

„Jetzt siehst du es!“ schrie Uuno triumphierend. „Siehst du, gleich mehrere auf einmal und der Kopf vom General liegt auf der Erde.“

„Sein Kopf liegt auf der Erde, aber Blut sieht man überhaupt keins“, sagte Maret verächtlich, indem sie kaum einen Blick auf das Schlachtfeld ihres Bruders warf.

„Muß denn unbedingt gleich Blut da sein?“ fragte Uuno, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte.

„Wenn doch Krieg ist“, sagte Maret.

„Aber das ist ja kein Krieg“, rief Uuno triumphierend, „das ist doch nur so.“

Ob sie nun dagegen nichts sagen wollte oder konnte, jedenfalls beließ Maret die Sache so, als wäre das Argument ihres Bruders begründet. Nach einigem Nachdenken sagte sie aber doch mit neuem Elan:

„Aber Rauch ist keiner da, und man hört nichts, wenn du schießt. Überhaupt nichts. Wenn wenigstens Rauch zu sehen wäre, und man es knallen hörte.“

„Ja, wenn wenigstens Rauch da wäre, und wenn man es knallen hörte!“ dachte Uuno, denn er hatte das Gefühl, Marets Worte waren berechtigt. Wozu sollte man eigentlich schießen, wenn es nicht rauchte und knallte!

Aber Maret hatte noch ein weiteres Argument im Hinterhalt, um ihren Bruder davon zu überzeugen, wie wichtig es war, daß sie sich in die Schießerei auf die Soldaten und Reiter einmischte.

„Guck doch“, sagte sie, „die totgeschossenen Soldaten haben ihre Augen auf. Aber wieso haben sie ihre Augen auf, wenn sie doch tot geschossen sind? Bei einem Toten sind die Augen doch zu!“

„Nicht unbedingt“, entgegnete Uuno, „als Hasso an Rauch­vergiftung gestorben ist, waren seine Augen auch auf. Das hab’ ich selbst gesehen, als Mutter ihn an den Beinen aus der Stube auf den Hof gezogen hat.“

„Aber ein Soldat ist doch kein Hund, daß er mit offenen Au­gen stirbt“, sagte Maret. „Als Großmutter im Sarg lag, waren ihre Augen zu, und auch bei Klein-Miku waren sie zu, als der Vater den Deckel auf den Sarg gelegt hat.“

„Bist du doof!“ schrie Uuno jetzt. „Sind Großmutter und Miku denn von Kanonenkugeln gestorben? Die waren doch krank.“

„Na und?“ antwortete Maret. „Wenn der Mensch schläft, sind seine Augen immer zu.“



„Die Soldaten schlafen doch nicht, die sind gestorben, als die Kugel . .

„Mutter hat aber gesagt, daß der Tod so ist wie ein Schlaf, nur länger und schwerer. Und Vater macht immer die Augen zu, wenn er sich hinlegt, wie meine Tiiu.“

„Aber deine Tiiu hat keine Seele!“ schrie Uuno verächtlich. „Immer noch mehr als deine Soldaten. Tiiu macht ihre Augen zu, und deine Soldaten nicht, ob sie sterben oder liegen.“

Und Maret nahm ihre rotbäddge Tiiu und legte sie vor ihres Bruders Augen mehrere Male hin und richtete sie wieder auf, so daß die Augen der Puppe sich schlossen und öffneten, als schliefe sie ein und erwadite wieder oder als stürbe sie und würde wieder lebendig, indem sie jeder kleinen Handbewegung folgte.

„Jetzt fällt sie ja audi nicht von einer Kugel um“, versuchte Uuno noch einmal eine Gegenrede. Aber Maret schien auf diese Worte nur gewartet zu haben, denn sogleich stellte sie ihre Tiiu aufrecht hin und sagte:

„Schieß’, daß sie umfällt, dann werden wir ja sehen, ob ihre Augen zugehen.“

„Tiiu ist doch ein Mädchen, meine Soldaten schießen nicht auf Mädchen“, sagte Uuno.

„Das macht nichts, daß sie ein Mädchen ist. Jetzt wird auch auf Mädchen geschossen“, erklärte Maret und fügte nach einer Weile ermunternd hinzu: „Vater hat doch aus der Zeitung vorgelesen, daß sie jetzt auch auf Frauen und Kinder schießen, warum kann man dann nicht auch auf Mädchen schießen?“

Das überzeugte Uuno, und er suchte auf dem Fußboden die hölzernen Kugeln zusammen, um auf Tiiu zu schießen, die wie eine Riesin neben den Soldaten und Reitern stand, ihre blauen Augen weit geöffnet, die goldenen Locken mit einem rosa Seiden­band zusammengebunden, während ihr roter Rock weit abstand, als ob er vom Wind auseinander geweht würde. Aber als die Kanone schon gespannt war, und die Holzkugel im Lauf steckte, sagte Maret:



„Aber ziel’ nicht auf die Augen, die sind bei Tiiu am zartesten, schieß’ sie anders nieder.“

„Anders geht es nicht als auf den Kopf, Tiiu ist doch schreck­lich groß“, warf Uuno ein.

„Natürlich geht es auch anders“, meinte Maret, „Tiiu ist ja kein Mann, daß sie so furchtbar stark wäre, sie kann sich ja kaum auf ihren Beinen halten.“

Uuno ließ die erste Kugel fliegen, aber die flog vorbei. Die zweite traf Tiiu an ihrem weiten Rock, aber das machte ihr nichts aus. Sie stand da wie eine junge Göttin, ihre Augen weit geöffnet, als ob nichts Irdisches sie berührte. Eine andere Kugel traf sie an der Brust und ließ sie ein wenig schwanken, aber hinfallen tat sie nidit.

„Hab’ ich nicht gleich gesagt, ich muß ihr auf den Kopf schießen? Anders fällt sie nicht um“, erklärte Uuno.

„Schieß’ weiter, im Krieg ist es ja auch nicht mit zwei-drei Kugeln getan“, drängte Maret ihren Bruder.

Und Uuno schoß weiter. Aber auch der erste Treffer an den Kopf warf Tiiu nicht um. Es war, als wäre sie unsterblich.

„Wenn ich eine schwerere Kanone hätte, dann würde ich ihr’s schon zeigen“, sagte Uuno, indem er eine Kugel nach der anderen auf die blauäugige Tiiu abfeuerte. Schließlich geschah ein Wunder: Eine Kugel traf sie weder an der Brust noch am Kopf sondern nur an der Hand, und siehe da, sie fiel um. Zuerst schien es, als wollte sie auf die Seite fallen, aber dann fiel sie doch schön auf den Rücken, so daß ihre Augen sich schlossen.

„Fertig! Tot!“ riefen beide Kinder wie aus einem Mund und Maret fügte ihrerseits hinzu: „Jetzt siehst du selbst, daß ihre Augen zu sind, und bei deinen Soldaten sind die Augen auf.“

„Na und?“ fragte Uuno, als hätte er ihren Streit von vorhin schon ganz vergessen.

„Sie haben eben keine Seele, wenn sie die Augen auf haben und tot sind“, erklärte Maret. „Aber Tiiu hat eine, denn sie macht ihre Augen sofort schön zu, wenn du sie mit einer Kugel um­schießt.“

„Und warum schreit sie nicht, wenn du sie mit der Rute schlägst?“ fragte Uuno.

„Soviel Seele hat sie nun auch nicht, daß sie sdireien könnte. Sie macht nur die Augen zu, wenn sie schlafen gelegt wird, oder wenn sie stirbt. Aber deine Soldaten lassen ihre Augen auf, wenn sie sterben, als wären sie Tiere. Aber sie sind doch keine Tiere. Sie haben doch zwei Beine und zwei Arme. Sie sind Menschen wie wir.“

„Wir sind Kinder“, versuchte Uuno seiner Schwester entgegen­zuhalten, „Mutter sagt, wir sind Kinder.“

Was Kinder und Menschen betraf, konnte Maret nicht gleich auf eine befriedigende Antwort kommen. Deswegen kam sie wie­der auf die Soldaten zurück und versuchte es noch einmal mit ihrer Behauptung, sie müßten, wenn sie stürben, doch ihre Augen zu­machen. Aber Maret kam mit ihren Erklärungen schließlich so durcheinander, daß sie eigentlich mehr gegen als für ihre Behaup­tung sprachen, und doch überzeugten sie Uuno davon, daß seine Soldaten weniger Seele in sich hatten als Marets Tiiu. Das be­unruhigte ihn, und er fand keine Ruhe, er mußte mit Vater über die Angelegenheit sprechen — mit Vater deswegen, weil alle Weihnachtsgeschenke vom Weihnachtsmann kamen, und mit dem mußte Vater in heimlicher Verbindung stehen, und nicht Mutter. Der Weihnachtsmann hatte nicht gerne etwas mit Frauen zu tun, oder wenn, dann nur so viel, daß er einen Türspalt auftat und Mutter den Sack mit den Weihnachtsgeschenken in die Hand drückte, ohne daß er sich ihr zeigte. Mutter konnte den Weih­nachtsmann nur von hinten sehen, wenn er mit unhörbaren Schritten die Treppe hinunter oder aus dem Hoftor ging. Das war so natürlich, daß Uuno schließlich zu Vater sagte:

„Schreib dem Weihnachtsmann.“




„Warum?“ fragte der Vater und fügte hinzu: „Weihnachten ist doch schon vorbei.“

„Meine Soldaten haben keine Seele, deshalb“, erklärte Uuno. „Wer sagt das?“ wunderte sich der Vater. „Das höre ich das erste Mal, daß Soldaten keine Seele haben.“

„Maret sagt, sie machen die Augen nicht zu, wenn sie sterben“, beklagte Uuno sich.

„Ach so!“ dehnte der Vater nachdenklich seine Worte, während Uuno fortfuhr sich zu beklagen: „Aber Tiiu macht die Augen zu, wenn sie schläft oder stirbt.“

„Wer ist denn Tiiu?“ fragte der Vater.

„Weißt du das nicht?!“ wunderte sich Uuno. „Tiiu ist doch Marets Puppe.“

„Die heißt doch Margarete.“

„Das war gestern, heute nicht mehr. Gestern war sie eine Deut­sche und heute ist sie eine Estin.“

„So schnell!“ rief der Vater erstaunt.

„Maret sagt, die Zeiten sind so.“

„So, so“, ließ sich der Vater zustimmend vernehmen.

„Ja, und jetzt sagt Maret, ihre Tiiu hat mehr Seele als meine Soldaten, weil sie ihre Augen auf und zumacht.“

„Das hängt damit zusammen, mein Junge“, erklärte der Vater jetzt, daß sie richtige Kleider anhat und so schöne Locken hat. Der Mensch bekommt erst dann wirklich eine Seele, wenn er richtig schöne Kleider und Locken hat.“

„Dann will ich, daß meine Soldaten auch richtig schöne Kleider und Locken haben, daß sie eine Seele bekommen“, sagte Uuno.

„Mein lieber Junge, was kann man da machen, daß die Soldaten keine schönen Kleider und Locken mehr haben! Früher hatten sie welche. Jetzt nicht mehr. Das war, als der Soldat noch mit Schwert und Lanze kämpfte. Aber heute gibt es ja nur noch Bom­ben. Bomben aus der Luft und aus dem Wasser, Bomben zu Was­ser und zu Lande, so daß man keine schönen Kleider und Locken mehr braucht, denn bevor noch jemand ihn sehen kann, ist der Soldat schon tot. Nur Mädchen haben noch schöne Kleider und Locken, so daß sie ihre Augen zu und aufmachen können, als hätten sie eine Seele.“

„Ich will aber, daß meine Soldaten eine Seele bekommen, daß ihre Augen zu und aufgehen!“ schrie Uuno, der drauf und dran war zu weinen, denn von den Erklärungen des Vaters hatte er nur so viel verstanden, daß Soldaten keine Seele haben und auch keine bekommen, und daß deswegen ihre Augen nicht zu und aufgehen.“

„Man könnte ja dem Weihnachtsmann schreiben, vielleicht kann der helfen“, sagte der Vater, um seinen Sohn zu trösten und zu beruhigen.

„Ja, Vater, schreib’ dem Weihnachtsmann, daß er meinen Sol­daten eine Seele macht!“ rief der Junge.



„Aber das geht nicht vor dem nächsten Weihnachtsfest, denn vorher nimmt der Weihnachtsmann keine Briefe an.“

„Warum nimmt er vorher keine Briefe an?“

„Er hat keine Zeit, er hat etwas anderes zu tun. Ein paar Mo­nate vor Weihnachten, ja. Also wenn das nächste Weihnachtsfest kommt, erinnere mich daran, dann schreibe ich. Und dann läßt der Weihnachtsmann alle seine großen und kleinen Werkstätten arbeiten und viele, viele Kleider und Locken machen, so daß es reicht, daß gleich alle Soldaten eine Seele bekommen können.“

„Daß ihre Augen zu und aufgehen?“ forschte Uuno.

„Ja, auf und zu“, bekräftigte der Vater.

„Und den Reitpferden auch?“

„Den Reitpferden natürlich nicht, die haben ja keine schönen Kleider.“

„Aber wenn sie auch schöne Kleider bekommen, bekommen sie dann auch eine Seele?“ interessierte sich der Junge.

„Du willst wohl schließlich auch noch für deinen Kinderstuhl Kleider und Locken, damit der auch eine Seele bekommt“, lachte der Vater.

Uuno verstand nicht recht, worüber der Vater lachte, aber dann fing er selbst auch an zu lachen und sagte:

„Und der Schneemann bekommt auch schöne Kleider und Locken und bekommt dann auch eine Seele.“

„Und alle Gartenzaunpfähle bekommen auch schöne Kleider und Locken und bekommen dann auch eine Seele“, fuhr der Va­ter fort.

Jetzt lachte Uuno schon von ganzem Herzen, denn es war wirklich sehr komisch, sich vorzustellen, daß auch die Garten­zaunpfähle Kleider anhatten und Locken hatten und Augen, die zu und aufgingen. Das Komische lag besonders darin, daß die Pfähle Uuno an Vaters Hemden und Hosen erinnerten, die ein- I mal auf dem Zaun gehangen hatten. Der Wind hatte sie groß und rund aufgeblasen, als hingen nicht Hemden und Hosen dort, sondern Vater selbst. Nichts hatte Uuno so zum Lachen gebracht wie diese flatternden Hemden und Hosen, die ab und zu, wer weiß weshalb, vom Wind aufgeblasen wurden.

Auch Maret hatte Uunos herzliches Lachen gehört und kam,

um zu sehen, was es Lustiges gab. Und als sie gehört hatte, worum es ging, begann auch sie zu lachen, und so lachten sie alle zusam­men, so daß Uuno seine Soldaten, die keine Seelen hatten, ganz vergaß. Erst am Abend als er schon im Bett war, mußte er wieder an seine Soldaten denken, und er sagte zu seiner Mutter:

„Jetzt bekommen meine Soldaten eine Seele.“

„Wieso?“ wunderte sich die Mutter.

„Wenn das nächste Weihnachtsfest kommt, schreibt Vater an den Weihnachtsmann und der macht . . . läßt alle Fabriken arbei­ten, daß es viele, viele schöne Kleider und Locken gibt, und dann gehen bestimmt allen die Augen zu und auf.“

„Dann sei aber jetzt ein liebes Kind und schlaf’ schön ein, sonst tut der Weihnachtsmann das nicht“, ermahnte ihn die Mutter. „Nur liebe Kinder und Soldaten bekommen eine Seele.“

„Nur liebe. . .“ wiederholte Uuno schlaftrunken.

Aber sobald er eingeschlafen war, sah er, daß das nächste Weih­nachtsfest schon da war, und er hörte deutlich, wie der Vater zu ihm sagte:

„Ja, Uuno, vom Weihnachtsmann ist ein Brief gekommen. Er lädt uns zu sich ein. Er hat den Soldaten bestimmt schon eine Seele gemacht. Zieh’ dich schnell an, daß wir nicht zu spät kom­men. Laß’ Mutter dir alle warmen Wollsachen unter die Jacke ziehen, daß wir uns vor der Kälte nicht zu fürchten brauchen, denn der Weihnachtsmann hat sein Haus in Schnee und Frost. Zieh’ die Ohrenklappen an deiner Pelzmütze richtig herunter und binde die Bänder ordentlich fest, daß . ..“

Uuno nahm sich nicht Zeit Vaters Ermahnungen bis zu Ende anzuhören. Er wollte sich flink, flink anziehen, denn er fürchtete, Vater würde sonst vielleicht überhaupt nicht oder allein gehen. Aber, o weh, Uunos Kleider und Socken und Stiefel waren alle spurlos verschwunden, wie Bleistücke in der Asche. Er begann seine Mutter zu rufen und zu suchen, aber sie war zusammen mit den Kleidern ebenfalls verschwunden. Beunruhigt und voller Angst lief Uuno von einem Zimmer ins andere. Sie schienen viel größer als sonst zu sein und waren voll mit irgendwelchem Kram, daß man überhaupt nicht vorankam.

„Zieh’ dir heut’ saubere Wäsche und saubere Kleider an, sonst wird der Weihnachtsmann böse“, sagte der Vater, der mitten im Zimmer stand. Er hatte schon seinen Pelz an, den Kragen hoch geschlagen und die Mütze tief auf die Stirn gedrückt, so daß Uuno kaum seine Augen sehen konnte.

„Mutter, Mutter!“ schrie er, als er durch die Zimmer lief, de­ren Zahl ständig anzuwachsen schien. Aber er rief vergeblich und schließlich dachte er in seiner äußersten Not, wenn er doch wenigstens seine Pelzmütze finden würde. Und so fing er dann an, nur noch nach der Mütze zu suchen. Als er sie endlich irgend­wo gefunden hatte, war es gar nicht seine eigene, sondern eine, die viel zu groß war — Uunos Kopf verschwand darin, zusam­men mit seinen Augen und seinen Ohren. Zur gleichen Zeit hörte er die Stimme seines Vaters, die sagte:

„So, mein Junge, nun können wir gehen.“

Und er nahm Uuno bei der Hand und führte ihn behutsam zur Haustür. Der Junge wollte erklären, daß er zwar eine große Kapuze auf dem Kopf habe, aber sonst nur sein Nachthemd und seine Pantoffeln an den bloßen Füßen, aber irgendwie kam kein Wort aus seinem Mund hervor, denn er fürchtete, daß der Vater, sobald er seinen tatsächlichen Zustand bemerkte, ihn hier lassen und sich allein auf den Weg machen würde. So ließ Uuno sich halbnackt nach draußen in die Kälte führen, denn der Vater be­merkte nichts. Draußen lag der Schnee in großen Haufen zusam­mengeweht, durch die sie hindurchwaten mußten, und Uuno fühlte die Kälte bis an seine Oberschenkel hinauf.

„Ist der ganze Weg so?“ fragte Uuno.

„Später wird es besser, immer besser“, antwortete der Vater und hielt Uuno fest an der Hand.

Und so war es, denn bald spürte der Junge Kälte und Schnee nicht mehr, nur die Sterne funkelten am Himmel, und der Mond, gelb, ganz gelb, war an den Wipfel einer Tanne, die in der Nähe stand, angesteckt. Und plötzlich standen sie vor einem niedrigen Haus, und der Vater sagte: „Klopf an!“

„Womit?“ fragte Uuno.

„Mit dem Stock“, antwortete der Vater, und seine Stimme klang wie von weit, ganz weit.

Und Uuno klopfte mit Vaters Krummstock, der wer weiß wo­her plötzlich in seiner Hand war, und lächelnd öffnete ihm ein alter Mann die Tür. Der hatte ungeheuer große Filzstiefel an den Füßen, und war über und über weiß, als wären sein Pelz, sein Bart und seine Haare, die unter der Mütze hervorsahen, aus Schnee, und sagte zu ihm:

„Komm nur herein, ich bin der Weihnachtsmann.“

Der Junge wartete ein wenig, um den Vater vorangehen zu lassen, aber da bemerkte er plötzlich, daß er mutterseelenallein auf der Schwelle des Hauses des Weihnachtsmannes stand. Wohin der Vater gegangen war, oder warum er Uuno hier allein zurück­gelassen hatte, konnte der Junge nicht im geringsten begreifen. Aber das machte ihm, er wußte selbst nicht warum, überhaupt keine Sorge. Er stützte sich auf Vaters Krummstock, als wäre er schon ein richtiger Mann, und schritt über die Schwelle ins Haus hinein. Und für sich selbst ganz unerwartet sagte er:

„Meine Soldaten haben keine Seele.“

„Wie ist das möglich?“ wunderte sich der Weihnachtsmann.

„Sie machen ihre Augen nicht zu, wenn sie sterben oder sich schlafen legen“, erklärte Uuno.

„Ich bringe den Kindern Puppen und Spielzeug“, sagte der Weihnachtsmann jetzt, „aber die Kinder müssen ihnen selbst eine Seele geben. Warum gibst du deinen Soldaten keine Seele?“ „Ich habe keine“, antwortete Uuno.

„Da sehe ich zum ersten Mal ein Kind, das keine Seele hat“, sagte der Weihnachtsmann überrascht. „Bisher haben alle Kinder eine Seele gehabt, und auch ihre Spielsachen haben etwas von ihr abbekommen, um zu leben. Nur die älteren Leute haben keine Seele mehr, darum sind auch ihre Spielsachen gestorben.“

Als er diese Worte hörte, bemerkte Uuno, daß er splitterfaser­nackt vor dem Weihnachtsmann stand, nur die große Kapuze hatte er nach wie vor bis über die Augen gezogen und Vaters Krummstock in der Hand. Darum sagte er:

„Ich habe keine Seele, weil ich keine schönen Kleider und Locken habe.“

„Ich gebe dir schöne Kleider und Locken, wenn du willst“, sagte der Weihnachtsmann.

„Nein“, antwortete Uuno, „gib meinen Soldaten eine Seele, daß ihre Augen zu und aufgehen.“

„Mein lieber Junge, aus dir wird bestimmt nie ein Machthaben­der oder ein Heerführer“, sagte der Weihnachtsmann traurig. „Machthaber und Heerführer wollen alle gerade Soldaten, die keine Seele haben.“

„Warum denn?“ fragte Uuno erstaunt.

„Wenn ein Soldat keine Seele hat, dann ist er besonders tapfer“, erklärte der Weihnachtsmann. „Und ein Soldat muß tapfer sein. Er muß so tapfer sein, damit er mit Feuer und Schwert auch gegen wehrlose Frauen und Kinder, Alte und Gebrechliche, seinen eige­nen Vater und seine eigene Mutter, seine Schwestern und Brüder kämpfen kann.“

„Wenn ein Soldat keine Seele hat, stirbt er wie ein Tier, die Augen auf“, erklärte Uuno, als wollte er mit dem Weihnachts­mann streiten. „Ich will Soldaten, die wie Menschen sterben, die Augen zu.“

„Gut, mein Junge“, sagte der Weihnachtsmann gleichsam nach­gebend, „wenn du selbst keine Seele hast, dann gebe ich deinen Soldaten eine. Aber Soldaten, die nicht deine Seele haben, hören auch nicht auf deine Worte. Willst du Soldaten, die nicht auf dein Wort hören?“

„Wenn sie nicht hören, sage ich es Vater.“

„Wo ist dein Vater?“ fragte der Weihnachtsmann.

Und Uuno fing an, seinen Vater zu suchen, aber ohne Erfolg: Der Vater war und blieb verschwunden.

„Siehst du, du hast gar keinen Vater“, sagte der Weihnachts­mann. Willst du trotzdem Soldaten, die nicht auf dein Wort hö­ren?“

„Ja, trotzdem“, antwortete Uuno, „wenn nur ihre Augen zu und aufgehen.“

„Dann geschehe dein Wille“, sagte der Weihnachtsmann und schlug in seine großen Hände, so daß die Schneeflocken umher­stoben und leicht wie Flaumfedern auf Uunos Gesicht fielen. Und sogleich öffneten sich irgendwelche geheimen Türen und heraus kamen in einer Reihe Soldaten marschiert, mit schönen

Kleidern und prächtigen Federbüschen auf ihren Helmen. Ihre Augen waren weit geöffnet, als hätten sie die Augen von Marets Puppe Tiiu, und ihr Gesichtsausdruck war versteinert, wie man das sonst nur bei tapferen richtigen Soldaten im Parademarsch sieht.

„Haben sie alle eine Seele“? fragte Uuno.

„Sie haben doch schöne Kleider, als wären sie junge Mädchen, deren Seele in Bändern und Locken ist.“

„Und ihre Augen gehen zu und auf?“ forschte Uuno.

Statt einer Antwort befahl der Weihnachtsmann den Soldaten, sich wie ein Mann auf den Rücken zu legen, und sagte dann:

„Sieh selbst!“

Und Uuno trat an die Soldaten heran und sah sie sich an, und er fand keinen einzigen, dessen Augen auf gewesen wären.

„Kann ich sie mitnehmen?“ fragte er den Weihnachtsmann.

„So viel du willst“, antwortete der.

„Aber wo tu’ ich sie hin?“ fragte Uuno ratlos.

„Da ist guter Rat teuer“, ließ der Weihnachtsmann sich ver­nehmen, nahm irgendwoher einen großen Sack und breitete ihn auf dem Boden aus, während er zu Uuno sagte: „Komm und halt’ den Sack mit auf!“

Und als Uuno oben den Sack berührte, fühlte er, daß er weich war wie der Teddybär, den er abends zur Gesellschaft mit ins Bett nahm, um gemütlicher schlafen zu können, während der Weihnachtsmann, der jetzt ganz in seiner Nähe stand, Kälte aus­strahlte. Aber all das war im Nu vergessen, denn die Soldaten be­gannen sich zu regen und marschierten in einer Reihe in den of­fenen Sack hinein. Irgendwoher kamen immer neue und neue Reihen, alle im Paradeschritt, die Augen weit offen, die Gesich­ter merkwürdig versteinert, ihnen folgten Reiter mit wehenden Fahnen, und alle verschwanden in dem Sack, den Uuno zusammen mit dem Weihnachtsmann aufhielt, und der weiße Bart des Weih­nachtsmanns berührte von Zeit zu Zeit sein Gesicht. Das kitzelte, wie wenn eine Fliege schnell darüber hinweglief. Den Reitern nach kamen Kanonen, Panzerwagen und Tanks gefahren und über allem dröhnten Flugzeuge. Aber alles ging schön in den Sack hinein, so riesig war der. Schließlich begann Uuno zu fürch­ten, daß diese ganze dröhnende und ratternde Schar so groß wer­den könnte, daß sie nicht mehr in die Spielecke paßte, und darum sagte er:

„Das reicht! Laß uns auch für andere welche übrig lassen.“

„Das ist gut, daß du auch an die ändern denkst“, ließ der Weih­nachtsmann sich vernehmen und begann den Sack zuzubinden. Als das geschehen war, half er Uuno den Sack auf den Rücken zu nehmen und sagte:

„Jetzt sieh zu, daß du nach Hause kommst, sonst denkt deine Mutter noch wer weiß was.“

Den Sack auf dem Rücken verließ Uuno das Haus des Weih­nachtsmanns und machte sich auf den Weg. Aber da der Sack so schwer zu tragen war, dachte er wieder an seinen Vater, wo der nur bleiben mochte, er hätte ihm doch helfen können, den Sack zu tragen. Und wie sollte er ganz allein den Weg nach Hause fin­den? Aber da hörte er hinter sich in weiter Ferne wie durch Schnee­gestöber und Sturm hindurch die Stimme des Weihnachtsmannes: „Der Sack zeigt dir den Weg, der Sack zeigt dir den Weg!“

Und damit der Sack ihm den Weg zeigen konnte, drehte Uuno sich um und begann rückwärts zu laufen — der Sack als Wegführer vorne weg, er selbst hinterher. Wie lange er so gegangen war, wußte er nicht, aber schließlich war er müde und legte den Sack nieder, um auszuruhen. Aber da sah er, daß der Sack schlecht zu­gebunden war und jeden Augenblick aufgehen konnte. Uuno ver­suchte, der Not abzuhelfen. Aber je mehr er es versuchte, desto schlimmer wurde es. Schließlich konnte Uuno nichts mehr tun, als den Sack mit aller Kraft mit beiden Händen zuzuhalten, denn sonst wäre er ganz aufgegangen. Aber er fühlte, wie seine Finger mehr und mehr ermüdeten und nachgaben, so daß er bald über­haupt keine Kraft mehr hatte, den Sack zuzuhalten. Und als es schließlich soweit war, platzte der Sack auf, und heraus stürmte das ganze Heer in furchtbarem Durcheinander, so daß ein Teil der Soldaten und Reiter auf der Stelle zu Tode getrampelt wurden. Uuno versuchte auszumachen, ob die Toten, wie es in der Ordnung gewesen wäre, ihre Augen'geschlossen hatten, aber irgendwie ge­lang ihm das nicht, denn es stürmten immer neue und neue Scha­ren über die Gefallenen hinweg, als wären sie Geröllsteine, mit denen Straßen gepflastert werden. Die am Leben geblieben waren, gerieten aus irgend einem Grunde in Streit. Die Reiter stürzten sich auf die Soldaten, die Maschinengewehre und Kanonen feuer­ten auf die Reiter, die Panzerwagen und Tanks rasten mit Getöse über alles hinweg. Uuno begriff, daß so alles bald zugrunde gehen würde, und begann Befehle zu erteilen und zu schreien, aber nie­mand achtete darauf. Alle, sogar die Panzerwagen und Tanks lachten ihn aus und verspotteten ihn mit lauter Stimme.

„Das ist mir schon ein Befehlshaber! Und selbst hat er nicht ein­mal eine Seele!“

Und plötzlich wandten sich alle gegen ihn, so daß er Schutz suchen mußte, indem er begann abwechselnd seinen Vater und den Weihnachtsmann zu rufen. Aber ehe noch einer von beiden ihm zu Hilfe eilen konnte, fingen Flugzeuge an zu brummen, und es regnete einen Bombenhagel. Einige davon trafen Uuno und er fiel der Länge nach auf den Rücken. Dabei machte er die Augen schön zu, um nicht wie ein Tier zu sterben.

Als er so dalag, hörte er plötzlich die Stimme des Weihnachts­manns, der ihn fragte:

„Wo ist der Sack?“

„Ich bin tot“, antwortete Uuno mit letzter Kraft.

„Wo ist der Sack?“ wiederholte der Weihnachtsmann seine Frage.

Und obwohl Uuno wußte, daß er gestorben war, begann er doch, er wußte nicht wie, den Sack zu suchen, konnte ihn aber nirgends finden.

„Ich kann ihn nicht finden!“ klagte er schließlich.

Aber der Weihnachtsmann antwortete ihm ganz gleichgültig:

„Wenn kein Sack da ist, kann man nichts machen. Liebe Kinder haben entweder einen Sack oder eine Seele, und du hast keines von beiden!“

„Gib’ mir wenigstens einen einzigen Soldaten, der eine Seele hat!“ schrie Uuno, dem Weinen nahe.

„Komm’ nächstes Weihnachtsfest wieder, dann kannst du wie­ der wählen, ob du eine Seele oder einen Sack willst. Bis dahin haben du und deine Puppen eben keine Seele, wie die Soldaten, die die Machthaber und Heerführer so lieben, weil sie so tapfer sind, daß sie sogar Wehrlose totschlagen.“

Der Weihnachtsmann hätte vielleicht noch mehr gesagt, aber Uuno konnte ihn nicht mehr hören, denn er fing an lauthals zu schreien und wachte auf.

In: Die lebenden Puppen. Prosa in Auswahl, München 1979, S. 169-186

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